Neue Stärke Gera – Zwischen „politischen Soldaten“ und militanter Nazi-„Resterampe“

Seit 2021 versucht eine neue Parteistruktur in Thüringen auf sich aufmerksam zu machen: die Neue Stärke Partei (NSP). Insbesondere in Gera ist die Partei mit ihrer Ortsgruppe Neue Stärke Gera (NSG) personell und ideologisch verankert. Als militante Kleingruppe ist die NSG bereits auf einer Vielzahl von eigenen und anderen rechten Veranstaltungen aktiv und präsent gewesen.
Am 26.03.2022 ruft die Neue Stärke zu einer Demonstration in Gera auf, die der Auftakt einer über das Jahr und die Republik verteilten Veranstaltungsserie sein soll.
Zeit, einen genauen Blick darauf zu werfen, mit wem man es zu tun haben wird:

Vom III. Weg zur Neuen Stärke

Noch 2020 gehörten die wesentlichen ProtagonistInnen der Neuen Stärke in Thüringen einer anderen „Kleinstpartei“, dem III. Weg, an (wobei die oft bemühte Rede von der „Kleinstpartei“ sich lediglich auf die Mitgliederzahl bezieht und damit keine qualitative Aussage über das Gefahrenpotential der Struktur getroffen ist). Der III. Weg hatte zunächst zwei Thüringer „Stützpunkte“, von denen der wichtigere „Stützpunkt Ostthüringen“ von Gera aus koordiniert wurde – Nico Metze aus Kahla und Anika Metze (vorher Wetzel) aus Rathenow/Brandenburg führten nach ihrem Umzug nach Gera von dort aus die Thüringer Aktivitäten als Stützpunktleitende. Die Teilnahme an überregionalen Demonstrationen und Kundgebungen wurde in der Vergangenheit vor allem zusammen mit Erfurt organisiert.

Nico und Anika Metze bei einem Infostand des Dritten Wegs in Gera am 25.06.2016. Im Hintergrund: Markus Dettler und Robert Thieme (v.l.n.r.)
Nico und Anika Metze bei einem Infostand des III. Wegs in Gera am 25.06.2016. Im Hintergrund: Markus Dettler und Robert Thieme (v.l.n.r.) [Foto: Recherche Gera]

Die Erfurter Enrico Biczysko und Michel Fischer, zwei langjährige Neonazis, konnten dort nicht zuletzt dank der Immobilie des Volksgemeinschaft e.V. in der Stielerstraße 1 im Erfurter Viertel Herrenberg einen Rückzugsort und festen Punkt für die von ihnen ausgehenden gewalttätigen Aktionen anbieten: In der Nacht zum 1. August 2020 ereignete sich von diesem Objekt aus zuletzt ein brutaler rassistischer Angriff auf drei Männer. Biczysko und Fischer, die sich bereits in fast allen Nazistrukturen organisiert und nach kurzer Zeit mit diesen überworfen hatten, wechselten im gleichen Jahr erneut ihre Zugehörigkeit. Sie gründeten dafür die Gruppierung Neue Stärke Erfurt, die sich – mit dem Provokationspotential von pubertären Schulhof-Rowdys – das Kürzel NSE gab, und die das Auftreten, das Selbstverständnis und das Design direkt vom Vorgänger III. Weg kopierte.
Während die Geraer Mitglieder und SympathisantInnen des III. Wegs vormals noch stark mit dem Ehepaar Metze verbunden waren, schienen die sich als „sportlich – aktivistisch – gemeinschaftlich“ bewerbenden Neue Stärke-Kader in Erfurt größere Anziehungskraft auf die Geraer auszuüben und man wendete sich fortan in Richtung Landeshauptstadt.
Dass der III. Weg in Thüringen damit allerdings nicht vom Tisch ist, sondern sich nur regional verlagert, zeigt die Gründung des „Stützpunktes Erfurt/Gotha“ im August 2021 und die Eröffnung eines „Bürger- und Parteibüros“ Anfang 2022 im thüringischen Ohrdruf.

Im November 2021 hielten Mitglieder der „Resterampe für heimatlose Neonazis“ (ZEIT) von der Neuen Stärke in Magdeburg einen Bundesparteitag ab und gründeten die sich überregional verstehende Neue Stärke Partei, zu diesem Anlass entstanden außerdem weitere lokale Ableger (Magdeburg und Rheinhessen).
Im Rahmen eines pathetischen Zeremoniells ließen sich der Erfurter Michel Fischer und der Geraer Bryan Kahnes als Bundesvorstand wählen, einer der drei stellvertretenden Vorsitzenden ist darüber hinaus Enrico Biczysko aus Erfurt.
Ziel der Partei, deren Mitglieder sich als „politische Soldaten der Kampfkultur“ verstehen, sei der „organisationsübergreifende Widerstand“.

Selbstdarstellung der Neuen Stärke Partei im November 2021 beim Gründungszeremoniell in Magdeburg. Oben links: Bundesvorsitzender Michel Fischer. Oben rechts: Bundesvorsitzender Bryan Kahnes. Unten rechts: Stellvertretender Vorsitzender Enrico Biczysko
Selbstdarstellung der Neuen Stärke Partei im November 2021 beim Gründungszeremoniell in Magdeburg. Oben links: Bundesvorsitzender Michel Fischer. Oben rechts: Bundesvorsitzender Bryan Kahnes. Unten rechts: Stellvertretender Vorsitzender Enrico Biczysko [Bild: Screenshot homepage NSP]

Neue Stärke Gera

Als zweite Ortsgruppe wurde nach der Erfurter die Geraer Abteilung mit dem Kürzel NSG im Zuge einer Demonstration zum 1. Mai 2021 gegründet. Dort wurde nach eigenen Aussagen die „NSG-Standarte“ „feierlich“ an Bryan Kahnes und Maurice Mischek übergeben.

Dass bei der Parteigründung im November einer der zwei gewählten Vorsitzenden aus Gera kommt, ist eine wichtige Strukturentscheidung: In Gera sieht man nach Erfurt wohl das meiste mobilisierungsfähige Potential und kann mit den ehemaligen III. Weg-Leuten (abseits des Ehepaars Metze) auf ein Netz aktiver, vor allem junger Leute zurückgreifen. Darüber hinaus musste Michel Fischer, der szeneweit für „qualitativ minderwertige Veranstaltungen“ mit „abgeschriebenen und plagiierten Reden“ bekannt ist und für seine Einfältigkeit verspottet wird, eine Person an die Seite gestellt werden, die ideologisch und rhetorisch ein einigermaßen ernstzunehmendes Bild der Partei nach außen abgeben kann.
Auch in der materiellen Ausstattung durch die Partei zeigt sich, dass ein besonderer Fokus auf dem Geraer Ableger der Neuen Stärke liegt: Auf ihrer Homepage verkündet die NSP, dass Gera mit technischem Equipment („Pavillon, Tisch, Lautsprecheranlage, Stromgenerator, Banner, Fahnen und Werbematerialien“) für das „Kampfjahr 2022“ bedacht wurde.

Eine zwei Monate im Voraus beworbene Demonstration der Neuen Stärke fand am 11.12.2021 in Gera aufgrund der Pandemiebeschränkungen nur als Kundgebung statt. Vor dem Stadtmuseum kamen 10-15 Personen zusammen, Redebeiträge wurden dabei u.a. von Maik Querengäßer aus Eisenberg, Pascal Chmielewski aus Gera und Sabrina Töpfer aus Erfurt gehalten. Die Nazi-Veranstaltung ging in zivilgesellschaftlichem und antifaschistischem Gegenprotest und abgeschirmt durch Polizeifahrzeuge weitgehend unter.

Kundgebung der Neuen Stärke Gera am 11.12.2021 in Gera
Kundgebung der Neuen Stärke Gera am 11.12.2021 in Gera [Foto: Recherche Gera]

Während die eigenen Veranstaltungen sich auch in Gera als nicht besonders zugkräftig und anschlussfähig erwiesen, nimmt die Neue Stärke Gera seitdem eine besondere Rolle bei den sogenannten Spaziergängen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie ein, wie wir bereits berichteten. Woche für Woche laufen Teilnehmende der Proteste neben den in der Regel durch Schlauchtücher mit sichtbarem Neue Stärke-Emblem zu erkennenden Neonazis. Dabei treten diese militant als Block u. a. mit Pyrotechnik und in einheitlicher Kleidung auf.
Die derartige Uniformierung war Anlass für die Polizei, mehrere Personen der Neuen Stärke am 10.01.2022 festzusetzen und in Gewahrsam zu nehmen.
Die Beteiligten wurden wegen Verstoß gegen das Uniformierungsverbot in einem Schnellverfahren in Gera verurteilt, unter ihnen der Neue Stärke-Bundesvorsitzende Bryan Kahnes.
Bereits vor der Verhandlung hielt die NSP vor dem Amtsgericht eine Kundgebung unter dem Motto „Wir lassen uns nicht kriminalisieren! Gemeinsam gegen staatliche Repression” ab, bei der auch die Erfurter Kader Fischer und Biczysko anwesend waren.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist für die Neue Stärke ein willkommener Anlass zur Selbsterhaltung. Auf ihrer Homepage mahnt die Partei Solidarität mit der Ukraine an – damit meint sie eigenen Angaben zufolge ihre „weißen Brüder in der Ukraine“, denn es gehe bei diesem Krieg „um unsere weiße Rasse“. Der Krieg wird umgedeutet zum rassistischen Befreiungskampf gegen einen fantasierten Kommunismus von Putins Russland.
Kahnes und andere Nazis der Neuen Stärke fuhren Anfang März in die Grenzregion zur Ukraine, um den Schulterschluss mit ukrainischen Nazis zu suchen, scheiterten aber am Grenzübertritt und kehrten enttäuscht nach Deutschland zurück – nicht ohne sich selbst trotz gescheiterter Mission via Youtube-Videos zu inszenieren.

Bryan Kahnes erklärt auf dem Youtube-Kanal der Neuen Stärke warum auf den Nazihilfstrupp aus der deutschen Provinz in der Ukraine niemand gewartet hat.
Bryan Kahnes versucht auf dem Youtube-Kanal der Neuen Stärke zu erklären, warum auf den Nazihilfstrupp aus der deutschen Provinz in der Ukraine niemand gewartet hat [Bild: Screenshot youtube]
Bryan Kahnes

Der Geraer Bryan Kahnes wurde im November 2021 neben Michel Fischer zum Bundesvorsitzenden der NSP gewählt.
Kahnes (*1994) gehörte ab 2011 zum Umfeld der Autonomen Nationalisten und besuchte in dieser Zeit zahlreiche Demonstrationen der NPD, etwa in Halle und Gera, und das Neonazifestival Rock für Deutschland.

Bryan Kahnes (2. v.r.) bei einer Nazidemo am 01.05.2011 in Halle. 1. v.r.: Sidney Sambale, 3. v.r.: Sandro Auerbach, 1. v.l. Christian Gentzsch.
Bryan Kahnes (2. v.r.) bei einer Nazidemo am 01.05.2011 in Halle. 1. v.r.: Sidney Sambale, 3. v.r.: Sandro Auerbach, 1. v.l.: Christian Gentzsch [Foto: Infothek Dessau]

2012 bewegte sich Kahnes weiterhin im Kreis der NPD und besuchte etliche ihrer Veranstaltungen. Vorgestellt als „parteiunabhängiger Kamerad“ hielt er am 17.06.2012 eine Rede auf einer Geraer NPD-Demonstration.

Bryan Kahnes (mittig mit Rucksack) auf einer Demonstration der NPD in Gera am 17.06.2012. 1. v.l. Michael Janssen, 2. v.l. Kevin Aßmann, rechts unten mit Fahne: Mario Schreiber, unten mittig im roten Shirt: Jacqueline Möbes.
Bryan Kahnes (mittig mit Rucksack) auf einer Demonstration der NPD in Gera am 17.06.2012. 1. v.l. Michael Janssen, 2. v.l. Kevin Aßmann, rechts unten mit Fahne: Mario Schreiber, unten mittig im roten Shirt: Jacqueline Möbes [Foto: Recherche Gera]

Seit 2018 war Kahnes wieder verstärkt in der Region und überregional aktiv, er nahm nicht nur am Nazi-Festival Rock gegen Überfremdung in Apolda teil, sondern reiste zusammen mit anderen bundesweit bekannten Neonazis am 10.11.2018 zur Solidaritätsdemonstration für die mehrfach verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck bis nach Bielefeld. Kahnes fuhr dabei stets in Begleitung der einschlägig bekannten Naziaktivistin Beatrice Fischer.

Bryan Kahnes und Beatrice Fischer am 10.11.2018 in Bielefeld.
Bryan Kahnes (3. v.l.) und Beatrice Fischer (1. v.l.) am 10.11.2018 in Bielefeld [Foto: Recherchenetzwerk Berlin]

Ebenfalls 2018 wendete sich Kahnes der faschistischen Partei III. Weg zu, der er bis 2020 verbunden blieb. Gemeinsam mit anderen III. Weg-Kameraden besuchte er bspw. Demonstrationen in Wunsiedel (Gedenkveranstaltung für Hitlerstellvertreter Rudolf Heß) und Berlin oder reiste nach Rom zur italienischen neofaschistischen Organisation CasaPound.

Bryan Kahnes (1. v.l.), René Schaller (2. v.l.), Nico Metze (3. v.l.) und Enrico Bicysko (1. v.r.) bei einer III. Weg-Demonstration am 17.11.2018 in Wunsiedel
Bryan Kahnes (1. v.l.), René Schaller (2. v.l.), Nico Metze (3. v.l.) und Enrico Biczysko (1. v.r.) bei einer III. Weg-Demonstration am 17.11.2018 in Wunsiedel [Foto: Thomas Witzgall]
Bryan Kahnes zusammen mit III.Weg-Mitgliedern bei der neofaschistischen Casapound in Italien
Bryan Kahnes zusammen mit III.Weg-Mitgliedern bei der neofaschistischen Organisation CasaPound in Italien [Bild: Screenshot facebook]

Im Februar 2020 nahm er wie eine Vielzahl anderer Geraer Nazis, darunter Vertreter der AfD, an einem der größten extrem rechten Aufmärsche Deutschlands, am geschichtsrevisionistischen sogenannten Trauermarsch, in Dresden teil.

Bryan Kahnes (mittig, mit Sonnenbrille und Mantel) am 15.02.2020 in Dresden. Daneben: Maurice Mischek (rote Kapuze)
Bryan Kahnes (mittig, mit Sonnenbrille und Mantel) am 15.02.2020 in Dresden. Daneben: Maurice Mischek (rote Kapuze) [Foto: Presseservice Rathenow]

Seit 2021 engagiert sich Kahnes für die Neue Stärke und ist als Bundesvorsitzender bei nahezu allen ihrer Veranstaltungen präsent.

Kahnes absolviert derzeit eine Ausbildung zum Wirtschaftsfachwirt und ist unter anderem wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisation und vorsätzlicher Körperverletzung vorbestraft.

Den Angaben im Impressum der Neuen Stärke-Homepage zufolge, wohnt Kahnes aktuell im Stadtteil Gera-Langenberg.

Maurice Mischek

Maurice Mischek kommt aus dem thüringischen Weida, wo er auch zur Schule gegangen ist.
Spätestens seit seiner Teilnahme an der rassistischen Thügida-Demonstration in Gera am 21.09.2018, die unter anderem vom kriminellen Greizer Neonazi David Köckert angemeldet wurde, ist Mischek reger Besucher rechter Veranstaltungen.

Maurice Mischek bei einer Thügida-Demonstration am 21.09.2018 in Gera
Maurice Mischek (3. v.r., schwarze Jacke des III. Wegs) bei einer Thügida-Demonstration am 21.09.2018 in Gera [Foto: Recherche Gera]

Im darauffolgenden Jahr nahm er im Gefolge des III. Wegs unter anderem an Demonstrationen in Plauen und Wunsiedel teil.
2020 entwickelte sich Michek vollständig zu einem der aktivsten Demotouristen der Region und reiste nach Dresden, nach Naumburg und nach Berlin, abermals unter den faschistischen Bannern des III. Wegs.

Maurice Mischek bei der Gedenkveranstaltung für Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. 1. v.r.: Nico Metze, 2. v.r.: Michel Fischer.
Maurice Mischek (1. v.l.) bei der Gedenkveranstaltung des III. Wegs für Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß am 16.11.2019 in Wunsiedel. 1. v.r.: Nico Metze, 2. v.r.: Michel Fischer [Foto: Thomas Witzgall]

2021 schloss sich Mischek zusammen mit Bryan Kahnes der Neuen Stärke in Erfurt an. Seit ihrer Gründung ist Mischek Mitglied der Neuen Stärke Partei und für den Ortsableger Gera unterwegs. Bei fast jedem Coronaprotest war Mischek seither in der Uniform der NSP mit seinen vermummten Kameraden Teil der Aufmärsche.

Mischek arbeitet seit 2018 für verschiedene Baufirmen in Gera und Umgebung, zuletzt für die Firma Gerüstbau Weida.

Weitere Mitglieder und Unterstützer

Sonny Schmidt

Sonny Schmidt (r.) und Markus Dettler
Sonny Schmidt (r.) und Markus Dettler [Bild: Screenshot facebook]

Schmidt ist Mitglied der NSP und beteiligte sich an einigen ihrer Veranstaltungen, so zum Beispiel am 22.01.2022 bei einem Naziaufmarsch der JN und der Neuen Stärke in Magdeburg.

Schmidt beim Naziaufmarsch am 22.01.2022 in Magdeburg
Schmidt (mittig) beim Naziaufmarsch am 22.01.2022 in Magdeburg. Links: Maik Querengäßer, rechts: Maurice Mischek [Foto: Kai Schwerdt]

Wie auch sein Freund und Kamerad Markus Dettler arbeitete Schmidt in der Vergangenheit für die Securityfirma SUP.

Schmidt (1. Reihe, 2. v.r.) im Dienst der Securityfirma SUP. Letzte Reihe, 2. v.l.: Markus Dettler
Schmidt (1. Reihe, 2. v.r.) im Dienst der Securityfirma SUP. Letzte Reihe, 2. v.l.: Markus Dettler [Bild: Screenshot facebook]

In den sozialen Netzwerken ist Schmidt unter dem Namen „Schmidti Bande“ oder „Hans Peter“ zu finden.

Pascal Chmielewski

Pascal Chmielewski (Rückbank mittig) auf Reisen mit der Neuen Stärke Gera. Hinten links: Maurice Mischek, hinten rechts: Sonny Schmidt. Vorne links: Enrico Jahn, vorne rechts: Bryan Kahnes
Pascal Chmielewski aus Gera (Rückbank mittig) auf Reisen mit der Neuen Stärke Gera. Hinten links: Maurice Mischek, hinten rechts: Sonny Schmidt. Vorne links: Enrico Jahn, vorne rechts: Bryan Kahnes [Bild: Screenshot instagram]
Pascal Chmielewski (1. v.l.) als Redner auf einer Kundgebung der Neuen Stärke am 11.12.2021 in Gera. Rechts am Transparent: Maurice Mischek
Pascal Chmielewski (1. v.l.) als Redner auf einer Kundgebung der Neuen Stärke am 11.12.2021 in Gera. Rechts am Transparent: Maurice Mischek. Mittig: Maik Querengäßer [Foto: Recherche Gera]
Pascal Chmielewski (r.) arbeitet beim Securityunternehmen SUP in Gera.
Pascal Chmielewski (r.) arbeitet beim Securityunternehmen SUP in Gera [Bild: Screenshot facebook]

Enrico Jahn

Enrico Jahn aus Gera
Enrico Jahn aus Gera [Bild: Screenshot facebook]
Enrico Jahn (1. v.l.) und Bryan Kahnes (2. v.l.) nach der Kundgebung der Neuen Stärke am 11.12.2021 in Gera
Enrico Jahn (1. v.l.) und Bryan Kahnes (2. v.l.) nach der Kundgebung der Neuen Stärke am 11.12.2021 in Gera [Foto: Micha Weiland]

Sebastian Rubner

Sebastian Rubner aus Gera
Sebastian Rubner aus Gera [Bild: Screenshot facebook]
Sebastian Rubner als Ordner auf dem Naziaufmarsch von JN und NSP am 22.01.2022 in Magdeburg
Sebastian Rubner (1. v.r.) als Ordner auf dem Naziaufmarsch von JN und NSP am 22.01.2022 in Magdeburg [Foto: Kai Schwerdt]
Sebastian Rubner als Ordner auf der Kundgebung der Neuen Stärke Gera am 11.12.2021
Sebastian Rubner als Ordner auf der Kundgebung der Neuen Stärke Gera am 11.12.2021 [Foto: Micha Weiland]

Maik Querengäßer

Maik Querengäßer aus Eisenberg im Pullover der NSG. Tätowierung rechte Stirnseite: "2yt4u" (= "too white for you")
Maik Querengäßer aus Eisenberg im Pullover der NSG. Tätowierung rechte Stirnseite: “2yt4u” (= “too white for you”) [Bild: Screenshot facebook]
Maik Querengäßer (r.) als Redner und Ordner auf der Kundgebung der Neuen Stärke am 11.12.2021 in Gera, links: Bryan Kahnes
Maik Querengäßer (r.) als Redner und Ordner auf der Kundgebung der Neuen Stärke am 11.12.2021 in Gera, links: Bryan Kahnes [Foto: Micha Weiland]

„Resterampe“ oder neu und stark?

Das Erscheinungsbild der Neuen Stärke mit ihrem uniformierten Dresscode, der militaristischen Symbolik, den Fahnen, der damit verbundenen Einheitlichkeit und ritualhaften Disziplin, ist unverkennbar an faschistischen Bewegungen geschult. Dass man damit wirbt „sportlich“ und „aktivistisch“ zu sein, das Versprechen zur Gewalt also schon im Slogan trägt, hat insbesondere für junge Menschen eine große Anziehungskraft. Auch wenn einige Personalien der Neuen Stärke szeneintern und -extern eher zur Belustigung zu dienen scheinen, sollte nicht unterschätzt werden, dass die derzeit weiter wachsende Struktur ein Sammelbecken für extrem Rechte in Thüringen und darüber hinaus darstellt.

Damit ist speziell in Gera ein neuer Anlaufpunkt entstanden, der die zerstreuten rechten Kräfte bündeln könnte – für all die, denen die NPD zu altbacken und die AfD nicht militant genug ist. Dass die sich unverhohlen als Nazis bekennenden Rechten der Neuen Stärke Woche für Woche unwidersprochen auf den sogenannten Spaziergängen gegen die Pandemiemaßnahmen mitlaufen können und das zweite Mal in drei Monaten eine eigene Demonstration in der Innenstadt abhalten, hilft ihnen bei ihrer Vermarktung und der Rekrutierung ungemein. Wir hoffen, dass Recherchen wie diese dazu beitragen, dass die Neue Stärke künftig weniger Erfolg hat, vermummt unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit zu tauchen.

 

„Wer mit Nazis spaziert, hat nichts kapiert“ – Coronaproteste in Gera

Während Rechercheportale und Twitteraccounts (bspw. Querleaks oder Ostthüringer Divan) seit Beginn der Pandemie unermüdlich und mit großem Engagement herausarbeiten, dass die sogenannten „Spaziergänge“ – auch die Geraer „Montagsspaziergänge“ – unter wesentlicher Beteiligung rechter Strukturen stattfinden, wird von Mitlaufenden und Daheimgebliebenen wahlweise so getan als wisse man von nichts oder als sei der Schulterschluss mit rechts im Dienste der Sache unvermeidlich.
Mit einer erneuten Zusammenstellung einiger, die in Gera seit 20.12.2021 mitgelaufen und konstant beteiligt sind, muss noch dem und der Letzten klar werden, dass man auf den „Spaziergängen“ unweigerlich Seite an Seite mit RassistInnen, AntisemitInnen, organisierten VertreterInnen der extremen Rechten und Verschwörungsgläubigen läuft.

Christian Bärthel ist ein seit Mitte der 90iger Jahre aktiver Nazi aus Ronneburg bei Gera. Er war Mitarbeiter des sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Peter Klose in Zwickau. Bärthel ist Verschwörungsgläubiger und Anhänger der Reichsbürgerbewegung. In seine evangelikale Mission mischen sich ein teils aggressiver Antisemitismus und religiös aufgeladener Geschichtsrevisionismus. Wegen Volksverhetzung und Verharmlosung des Holocausts wurde er bereits mehrfach angeklagt und verurteilt. Er ist Mitglied der extrem rechten Vereinigung Patrioten Ostthüringen und Vortragsredner zu deren Veranstaltungen.

Christian Bärthel
Christian Bärthel

Beatrice Fischer agiert als Nazi-Aktivistin seit 2010/2011 vor allem im Umfeld der NPD und der Kleinstpartei III. Weg. Von Nazi-Festivals und Konzerten über Demos zur Unterstützung der Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck und geschichtsrevisionistische Aufmärsche bis hin zu Veranstaltungen der AfD ist Beatrice Fischer auf einer Vielzahl von Events der extremen Rechten zugegen. Seit deren Beginn nimmt sie an den Protesten der Pandemieleugner*innen in Gera teil. Eine detailliertere Zusammenstellung ihrer Aktivitäten lässt sich hier finden.

Beatrice Fischer
Beatrice Fischer

Christian Gentzsch ist ein seit 2010/11 aktiver Nazi aus Greiz und später Gera. Er nimmt an vielen unterschiedlichen Veranstaltungen der extremen Rechten in der Region, aber auch überregional teil. Darunter fallen Festivals, Aufmärsche von der Kleinstpartei III. Weg, Thügida und Aktionen der NPD. 2014 kandidierte er für die Greizer Kommunalwahlen auf der NPD-Liste. Zwischen 2012 und 2017 übernahm er regelmäßig Helfertätigkeiten und Ordnerfunktionen auf dem NPD-Festival Rock für Deutschland in Gera. Bei den Protesten der Pandemieleugner*innen in Gera ist er vom Beginn im Frühjahr 2020 an mit dabei.

Christian Gentzsch
Christian Gentzsch

Christian Klar kann auf eine lange Karriere als aktiver Nazi zurückblicken. Er zählte bereits um 2000 zu den Kontakten des Thüringer Blood-&-Honour-Sektionsleiters und NSU-Unterstützers Marcel Degner. Belegen lassen sich sehr viele Teilnahmen an Veranstaltungen und Aufmärschen von extremen Rechten. Ein guter Überblick über seine Aktivitäten lässt sich hier finden. Klar kann getrost als einer der Organisatoren der Geraer „Spaziergänge“ bezeichnet werden; in diversen Telegramposts brüstet sich Klar selbst mit der Planung und Durchführung. Inmitten der Pandemieleugner*innen gibt er sich betont aktivistisch, fordert andere Teilnehmende zum Widerstand gegen Polizist*innen auf oder dirigiert mit „Ansagen“ die eigentlich verbotenen Aufzüge.

Christian Klar
Christian Klar

Marek Hallop aus Gera bezeichnet sich selbst als Reichsbürger. Er tauchte um 2012 bei Geraer NPD-Aufmärschen und später bei etlichen Thügida-Demos des extrem rechten David Köckert auf. Bereits im Frühjahr 2020 beteiligte er sich an den ersten Protesten gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. An organisatorischen Fragen scheiterte er aber mit seiner selbst angemeldeten Demo am 16.05.2020. Trotzdem ist er weiter bei allen Aktionen und Protesten der Pandemieverharmloser*innen in Gera mit von der Partie. Dabei tritt er manchmal sehr martialisch auf, schreit anwesenden Polizist*innen seinen Hass auf den Staat entgegen und versucht so andere Teilnehmer*innen zum Widerstand zu motivieren.

Marek Hallop
Marek Hallop

Frank Haußner ist ein Dachdecker aus Zeulenroda. Er kann ähnlich wie Christian Klar zum Initiatoren- und Organisatorenkreis der Geraer „Spaziergänge“ gezählt werden. Haußner begann ab 2018 sich mit dem Pegida-Umfeld, dem Kreis um Götz Kubitschek und AfD-VertreterInnen zu vernetzen. Dazu ist er Sprecher der extrem rechten Vereinigung Patrioten Ostthüringen. Frank Haußner ist in der Region Ostthüringen Initiator vieler Aktionen von Pandemieverharmloser*innen. Seine Redebeiträge bei diesen Gelegenheiten zeugen von seinem tief verschwörungsgläubigen Weltbild mit deutlich antisemitischen Inhalten.

Frank Haußner
Frank Haußner

Andre Hebestreit ist ein sehr aktiver Nazi aus Gera. Er war regelmäßig Helfer und Ordner auf dem NPD-Festival Rock für Deutschland in Gera. Er war Mitglied der ehemaligen Geraer Kameradschaften Vollstrecker und Volkszorn. Auf NPD-Demos übernahm Hebestreit immer wieder Ordnerfunktionen. 2014 kandidierte er bei der Kommunalwahl auf der Liste der NPD für den Geraer Stadtrat. Regional fährt Hebestreit sehr gern zu Nazi-Demos oder Festivals.

André Hebestreit
André Hebestreit

Michael Hesse ist ein langjähriger Nazi aus Gera. Er stammt aus dem kameradschaftlichen Umfeld und ist schon als Jugendlicher 1999 bei Aktionen der extremen Rechten zu identifizieren. Anfangs gerierte er sich als Anti-Antifa-Fotograf, mittlerweile betreibt er einen Youtube-Kanal und filmt nahezu jedes Event der Pandemieleugner*innen in Gera. In der Vergangenheit ließ er über NPD-Festivals, geschichtsrevisionistische Trauermärsche oder die Aufmärsche von Thügida keine Gelegenheit aus, zu zeigen welches Geistes Kind er ist. In der Thüringer Naziszene gilt er als gut vernetzt und reist auch überregional zu Nazigroßveranstaltungen in Deutschland.

Michael Hesse
Michael Hesse

Beatrice Koschmieder ist eine Geraer Tätowiererin und die langjährige Freundin von Michael Hesse. Sie arbeitet mit dem äußerst gewaltbereiten rechten Schläger Enrico Koop in einem Studio. Sie nahm in der Vergangenheit regelmäßig am Geraer NPD-Festival teil und lief bei den Thügida-Demos des extrem rechten Greizers David Köckert mit. Gemeinsam mit ihrem Partner Hesse reist sie gern regional und überregional zu einschlägigen Szeneevents wie den Nazifestivals in Themar oder nach Berlin zu rechten Großdemos. Natürlich war Koschmieder bei fast allen Aktionen gegen Corona Schutzmaßnahmen in Gera dabei.

Beatrice Koschmieder
Beatrice Koschmieder

Andreas Thomä ist Mitglied der Patrioten Ostthüringen aus Gera. Er filmt sehr viele Aktionen dieser extrem rechten Vereinigung, betreibt einen gleichnamigen Youtube-Kanal und veröffentlicht dort seine semi-professionell bearbeiteten Videos. Er filmt dabei auch immer wieder Protestierende gegen rechte Aktionen ab und markiert gezielt Journalist*innen, in dem er in extreme Zeitlupe umschaltet, um die Personen besser erkennbar zu machen. Führt man sich vor Augen, wie viele Journalist*innen von Nazis im Rahmen der sogenannten „Spaziergänge“ bundesweit angegriffen wurden und werden, zeigt sich die Perfidie und ideologische Skrupellosigkeit eines solchen Vorgehens.

Andreas Thomä
Andreas Thomä

Josef Höschler ist ein umtriebiger Nazi aus Ronneburg bei Gera. Anfang der 2000er Jahre war er aktiv in Führungspostitionen von Ronneburger Kameradtschaften. Er geriet recht schnell als Sammler von Nazi- und Weltkriegsdevotionalien in das Visier der Polizei, auch weil er Bilder von scharfen Waffen in sozialen Netzwerken postete. Hausdurchsuchungen waren die Folge. Später war er stets fleißiger Helfer sowie Ordner auf dem Geraer NPD-Festival und Teilnehmer an Demonstrationen oder Kundgebungen der Geraer NPD. Die rassistischen Mobiliserungen von Thügida erreichten auch Höschler. Zuletzt versuchte er sich 2019 als extrem rechter Konzertveranstalter in Ronneburg. Wie er selbst im Internet mitteilte, geriet er dabei wiederum ins Visier des Verfassungsschutzes.

Josef Höschler
Josef Höschler

Enrico Kopp ist ein gewaltbereiter und vielfach vorbestrafter Nazi-Schläger. Er betreibt das Tattostudio Köngisklasse in Gera. Vor allem bei der rassistischen Mobilisierung von Thügida zwischen 2015 und 2018 war Kopp aktiv. Thügida wurde in dieser Zeit maßgeblich durch den Greizer Nazi David Köckert initiiert und vorangetrieben. Kopp war auf vielen Aktionen dieser extrem rechten Vereinigung aktiv. Als 2020 die Mobilisierung der Proteste der Pandemieleugner*innen an Fahrt aufnahm, war Kopp ebenfalls von Beginn an dabei.

Enrico Kopp
Enrico Kopp

Steve Krüger ist ein Geraer Nazi, welcher vor allem zwischen 2010 und 2014 in der Geraer Kameradschaft Vollstrecker aktiv war. Diese gebärdete sich sehr aktivistisch und war subsumierbar unter dem Label der autonomen Nationalisten. Ihre Mitglieder waren in Gera für zahlreiche extrem rechte Schmiereien und Übergriffe auf Menschen, die nicht in ihr Weltbild passten, verantwortlich. Mitglieder der Vollstrecker wie Steve Krüger übernahmen für den örtlichen Kreisverband der NPD auch immer wieder organisatorische Aufgaben. So war Krüger regelmäßig als Ordner auf dem Geraer NPD-Festival, Demonstrationen und anderen rechten Kundgebungen tätig.

Steve Krüger
Steve Krüger

Kay Lange spielte bei dem Geraer Fußballverein BSG Wismut Gera als Torwart in der 1. und 2. Mannschaft. Aufgefallen ist er immer wieder mit eindeutiger Nazikleidung und Symbolik. Außerdem machte Lange mit rassistischen Sprüchen auf dem Fußballplatz und im Umfeld wiederholt unangenehm auf sich aufmerksam. Er ist mit anderen einschlägigen Nazis Mitglied in der Wismut-Fangruppierung Reußenfront, die sich zudem im Umkreis des Motorradclubs Stahlpakt Gera bewegt. Dort sind ebenfalls langjährige Nazis aus rechtsmilitanten Strukturen aktiv. Lange begleitete die Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie von Beginn an.

Kay Lange
Kay Lange

Fabian Matthes ist ein Geraer Nazi aus dem aktionistischen Umfeld diverser Geraer Nazikameradschaften. Er begann sein Engagment in der extrem rechten Szene um das Jahr 2010. Seitdem verankerte er sich immer tiefer in der Szene und festigte sich ideologisch. Er nahm an unzähligen Aufmärschen und Festivals teil und besuchte darüber hinaus Buchlesungen von Udo Voigt in der extrem rechten „Bildungsstätte“ Rittergut Guthmannshausen oder den von Nazis aus ganz Europa abgehaltenen faschistischen „Tag der Ehre“ in Budapest 2019. Auf der ersten spontanen Demo gegen die Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie nahm Fabian Matthes mit einem Solidaritäts-Shirt für die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck teil. Seither taucht er regelmäßig auf den „Spaziergängen“ auf.

Fabian Matthes
Fabian Matthes

Peter Pichl ist ein langjähriger Aktivist der extremen Rechten aus dem Geraer Kameradschaftsmilieu. Viele Jahre war er in der NPD aktiv und übernahm Funktionen bei Aufmärschen, Festivals und Kundgebungen. Bis 2014 saß Pichl für die NPD im Gerarer Stadtrat. Mittlerweile hat er jedoch erfolgreich bei der AfD angedockt und ist Mitarbeiter des Thüringer AfD-Landtagsabgeordneten und unterlegenen Oberbürgermeisterkandidaten Dieter Laudenbach. Über die Hintergründe und Verstrickungen Pichls von der NSU-Geburtsstätte Thüringer Heimatschutz bis zur Geraer AfD berichteten wir an anderer Stelle bereits ausführlich.

Peter Pichl
Peter Pichl

Jens Peisker ist ein Nazi aus dem Umfeld des Geraer Motorradclubs Stahlpakt. Hier tummeln sich etliche Kader von Thüringer Nazi-Organisationen. Im örtlichen Vereinsheim wird jährlich die Wintersonnenwende gefeiert und auch sonst finden sich dort viele Bezüge zum Nationalsozialismus wie zum Beispiel Wehrmachtsnummernschilder und deutsche Dekowaffen aus dem 2. Weltkrieg. Peisker nahm unter anderem 2018 am Thügida-Aufmarsch in Gera teil.

Jens Peisker
Jens Peisker

Felix Staps ist ein Nazi aus dem Umfeld der mittlerweile aufgelösten rechtsoffenen Ultra-Gruppierung Ultras Gera 99 und nach wie vor aktiver Fan der BSG Wismut Gera. Seine Aktivitäten haben sich zuletzt auf die Nazi-Fangruppierung Reußenfront ausgeweitet. Staps beteiligte sich an mehreren regionalen Naziaufmärschen wie bspw. den Thügida-Demonstrationen 2016 in Jena und 2018 in Gera. Bei dem Überfall von Nazis auf Leipzig-Connewitz am 11.01.2016 koordinierten Staps und sein Umfeld die Thüringer Anreise, bevor sie von der Polizei festgesetzt wurden. Staps nimmt seit Ende 2021 regelmäßig an den Aktionen der Geraer Pandemieleugner*innen teil.

Felix Staps
Felix Staps

Lars Weber ist ein Geraer Security-Unternehmer und Nazi-Kampfsportler. Sein Unternehmen (Alpha DSD) bietet Sicherheitsdienste und eine Detektei an. Als Kampfsportler trainierten in seinem Gym verurteilte Holocaustleugner wie Marcel Wöll gemeinsam mit Geraer Nazihools. 2013 wurde Weber kurzzeitig Präsident des Geraer Fußballvereins BSG Wismut Gera. Er musste jedoch bald aufgrund seiner Naziverstrickungen zurücktreten. Da er eine Unterlassungsklage verlor, darf Weber seitdem rechtskräftig als Nazi bezeichnet werden. 2018 besuchte Weber die Veranstaltung Rock gegen Überfremdung in Apolda, die wegen massiver rechter Ausschreitungen mit mehreren Verletzten von der Polizei aufgelöst werden musste. Lars Weber nimmt regelmäßig an Aktionen der Geraer Pandemieleugner*innen teil.

Lars Weber
Lars Weber

Fabian Eller gehört zur extrem rechten Vereinigung Patrioten Ostthüringen, deren Sprecher der verschwörungsgläubige Antisemit Frank Haußner ist. Eller nimmt regelmäßig an Veranstaltungen dieser Vereinigung teil. Zum Volkstrauertag 2020 in Gera legte er auf dem Ostfriedhof bei dem geschichtsrevisionistischen „Heldengedenken“ den Trauerkranz der Patrioten Ostthüringen ab. Neben den Besuchen einschlägiger Nazidemonstrationen (2019 bei der Identitären Bewegung in Halle, 2020 beim jährlichen geschichtsrevisionistischen Aufmarsch in Dresden) ist Eller auch auf AfD-Veranstaltungen häufig Teilnehmer: so zum Beispiel in Gera im Oktober 2020 oder in Weida im Mai 2021. Fabian Eller war von Beginn an bei den pandemieverharmlosenden Protesten dabei.

Fabian Eller
Fabian Eller

Evelyn Gropp ist im Stadtverband der AfD Gera seit 2020 die stellvertretende Sprecherin. Sie ist Rentnerin, studierte Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und nach eigener Aussage jahrelang im Kulturbereich der Stadt Gera tätig gewesen. Heute schreibt Sie häufig im kostenlosen Hetzschmierblatt Neues Gera, welches von ihrem Parteikollgen Harald Frank herausgegeben wird. Hier teilt Gropp verschwörungsgläubige Legenden rund um die Coronapandemie, positioniert sich gegen die Aufnahme von geflüchteten Menschen oder bekennt sich, anlässlich des Volkstrauertages, zur Mitgliedschaft in der extrem rechten Vereinigung Patrioten Ostthüringen. Dort ist Gropp mit ihren verschwörungsgläubigen, antisemitschen und extrem rechten Postitionen bestens aufeghoben.

Evelyn Gropp
Evelyn Gropp

Eric Vogelgesang war zunächst Mitglied der Jungen Union. Aufgrund extrem rechter Äußerungen auf seinem Twitterkanal, die nicht mehr mit dem Grundgesetz und der Mitgliedschaft in der Jungen Union vereinbar waren, wurde er aus der Jugendvereinigung ausgeschlossen. Aus den selben Gründen kam es kurze Zeit später auch zum Ausschluss aus dem Jugendrat Gera, wie Vogelgesang auf Telegram mitteilte. Inzwischen ist er Mitglied bei der Jugendorganisation der AfD und fühlt sich dort inhaltlich offensichtlich gut aufgehoben und wird akzeptiert. Eric Vogelgesang läuft regelmäßig bei den als spontan inszenierten Aufmärschen mit. Gut gefällt er sich dabei in seiner Rolle als redenschwingender Anheizer. So hielt er am 18.01.2022 von der Terasse des Kultur- und Kongresszentrums Gera eine Rede gespickt mit dreisten Lügen, die bei dem verschwörungsgläubigen Publikum gut ankam.

Eric Vogelgesang
Eric Vogelgesang

Kay-Uwe Rath ist ein Nazi aus Bad Köstritz, der sich schon als Teenager in extrem rechten Kreisen bewegte. Bereits 2007 tauchte er auf Kundegebungen der NPD in Gera auf. Seitdem war er stets Helfer und Ordner auf dem Geraer NPDFestival Rock für Deutschland. Ausgehend vom Umfeld diverser Kameradschaften, welche der Szene der autonomen Nationalisten zugeordnet werden konnten, nahm Rath zwischen 2007 und 2019 an nahezu allen öffentlichen Veranstaltungen von NPD und Kameradschaften in Gera teil.

Kay-Uwe Rath
Kay-Uwe Rath

Ernst Herzum ist ein im Geraer Nazimilieu fest verankerter älterer Herr. Er umgibt sich immer wieder mit etablierten Figuren der extremen Rechten wie Christian Bärthel oder dem Greizer David Köckert. 2015 nahm er in Naumburg/Saale an einer Veranstaltung mit der verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck teil, reiste 2019 zu einer Demonstration der Identitären Bewegung in Halle und besuchte 2020 den geschichtsrevisionistischen Nazi-Trauermarsch in Dresden. Herzum ist auf fast jeder Veranstaltung der Geraer AfD wie dem Volkstrauertag auf dem Ostfriedhof oder Demos gegen die Aufnahme geflüchteter Menschen zu finden. Darüber hinaus besuchte er alle Thügida-Mobilisierungen in Gera.

Ernst Herzum
Ernst Herzum

Jörg Krautheim ist ein seit Anfang der 90iger Jahre in Gera aktiver Nazi. Er war in verschiedenen Organisationen der extremen Rechten wie der im Thüringer Heimatschutz organisierten Kameradschaft Gera, der FAP, der NPD und zuletzt der Partei Die Rechte aktiv. Dabei fungierte er stets als Bindeglied zwischen in Parteien organiserten Nazis und autonomer agierenden sogenannten „freien Kräften“. Seit 2015 nahm Krautheim an rassistischen Mobiliserungen vom Altenburger Bürgerforum und Wir lieben Gera gegen die Aufnahme von geflüchteten Menschen teil. Dabei übernahm er organisatorische Aufgaben. Ralf Wohlleben, verurteilter NSU-Helfer, benennt ihn im Münchner Prozess als Teil der Nazi-Unterstützerstrukturen in Thüringen.

Jörg Krautheim
Jörg Krautheim

Luca Strobel ist ein jugendlicher extrem rechter Aktivist aus Wünschendorf bei Gera. Er wurde 2021 fester Bestandteil der neonazistischen Kleingruppe Freie Jugend, die er maßgeblich koordiniert. Er nahm seither an vielen sogenannten „Coronaprotesten“ in Gera, Greiz und Zeulenroda teil, bei denen man sich mit Fahnen und Pyrotechnick inszenierte. Strobel ist mit seiner Freien Jugend auffällig stark an etablierte Nazinetzwerke wie die Patrioten Ostthüringen, die Neue Stärke Partei und die AfD angebunden. Über den Online-Shop des einschlägig bekannten Hallenser Nazis Sven Liebich vertreibt Strobel unter anderem Bekleidung der Freien Jugend. Mit Beatrice Fischer nahm Luca Strobel am 11.12.2021 an der Kundgebung der extrem rechten Kleinstpartei Neue Stärke in Gera teil.

Luca Strobel
Luca Strobel

Sidney Sambale ist ein auch in Gera sehr aktiver Nazi aus dem Burgenlandkreis. Er war 2010 Beisitzer im NPD-Kreisverband Burgenlandkreis und kandidierte 2014 zu den Kreistagswahlen für die dortige NPD. Sambale ist in den letzten 12 Jahren regional und überregional reger Besucher rechter Demonstrationen und Veranstaltungen, beispielsweise auf dem jährlichen NPD-Festival in Gera, das bis 2017 stattfand, darüber hinaus in Dresden zum Nazitrauermarsch, in Saalfeld am 01.05.2015 oder in Plauen am 01.05.2016. Sambale gehört zu den TäterInnen, die am 11.01.2016 den Leipziger Stadtteil Connewitz überfielen.

Sidney Sambale
Sidney Sambale

Reiko Pflug ist Mitglied im AfD-Stadtverband Gera und Mitarbeiter von Wolfgang Lauerwald, Fraktionsmitglied der AfD im Thüringer Landtag. Der gelernte Koch orientierte sich 2014 zunächst zum Kreisverband der NPD Gera und besuchte mehrere Kundgebungen, so unter anderem am 13.09.2014 zum Wahlkampf in Gera mit dem vorbestraften damaligen „Spitzenkadidaten“ der Thüringer NPD Patrick Wieschke. Seit 2016 hat er sich der AfD angeschlossen und ist von da an auf fast jeder Veranstaltung oder Aktion der Geraer AfD zu finden, stets auch als fleißiger Helfer beim Aufbau von Kundgebungen oder Organisation von Demonstrationen.

Reiko Pflug
Reiko Pflug

Maurice Mischek ist ein Nazi aus Weida, in der Nähe von Gera. Um 2018 schloss er sich der Nazi-Kleinstpartei III. Weg an und besuchte viele Kundegbungen und Demonstrationen, regional und überregional. So war er unter anderem bei Thügida-Aufmärschen in Gera, bei Demonstrationen vom III. Weg in Plauen oder beim geschichtsrevisionistischen Trauermarsch in Dresden dabei. Seit neuestem hat Mischek die Partei III. Weg verlassen und ist ihrer lokalen Alternative Neue Stärke beigetreten. Deren regionaler Verband Neue Stärke Gera läuft auch stets bei den „Montagsspaziergängen” mit.

Maurice Mischek
Maurice Mischek

Bryan Kahnes ist ein seit 2011 aktiver Geraer Nazi aus dem aktionistischen Kameradschafts- und Parteimilieu. Anfangs nahm er an fast allen NPD-Veranstaltungen in Gera teil, auf denen er u.a. Redebeiträge als „unabhängiger Kamerad“ hielt. Seit 2018 orientierte Kahnes sich zur extrem rechten Partei III. Weg. Als es 2020 zum Bruch der Thüringer Nazistrukturen mit dem III. Weg kam, mussten Kahnes und Kameraden sich neu organisieren. In der extrem rechten Kleinstpartei Neue Stärke fand Bryan Kahnes ein neues ideologisches Zuhause. Die Partei gründete am 01.05.2021 die Sektion Gera – mit der Übergabe einer Art „Standarte“ an Bryan Khanes wurde dies offiziell besiegelt. Im November 2021 folgte der erste Bundesparteitag der Nazi-Resterampe, auf dem Kahnes als einer von zwei Bundesvorsitzenden der Neue Stärke Partei (NSP) gewählt wurde. Diese Partei zeichnet sich wie schon der III. Weg durch nationalsozialistische Anleihen in Symbolik und Auftreten ihrer Mitglieder aus.

Bryan Kahnes
Bryan Kahnes

Michel Fischer, ein Nazi aus Tannroda im Weimarer Land, kann eine lange Karriere in der extremen Rechten vorweisen. Seit 2011 bewegt er sich auf unterschiedlichsten Demos in Thüringen und ganz Deutschland. Fischers Weg ging dabei über Kameradschaften wie die Aktionsfront Erfurt aber auch Parteistrutkuren wie Die Rechte und den III. Weg. Aufgrund seiner Persönlichkeit und seines blinden Aktionsismus ist er in der Szene durchaus höchst umstritten und überwarf sich in der Vergangenheit immer wieder mit den Gruppen, in denen er sich organisierte. Symptomatisch für Fischers Horizont ist ein Fall, bei dem er 2013 in Tannroda gemeinsam mit seinem Vater ein Kind verprügelte, von dem er behauptete, dass es Naziaufkleber entfernt hätte. 2013 kommt es durch Inititive der NPD schließlich zu einer Distanzierung fast aller Thüringer Nazigruppen von seiner Person, der „Spalterei“, „Profilneurose“ und „qualitativ minderwertige Veranstaltungen“ vorgeworfen wurden. Michel Fischer jedoch bleibt der Szene treu und ist heute neben Bryan Kahnes der zweite Bundesvorsitzende der Nazipartei Neue Stärke.

Michel Fischer
Michel Fischer

Sabrina Töpfer ist ebenfalls Parteimitglied bei der den Nationalsoziamismus verherrlichenden Partei Neue Stärke. Sie stammt nach eigenen Angaben aus Magdeburg und wohnt offenbar mittlerweile in Erfurt. Auf Veranstaltungen oder Demonstrationen der Neuen Stärke trat Töpfer immer wieder als Rednerin auf, zum Beispiel am 11.09.2021 in Braunschweig und am 11.12.2021 bei der Kundgebung in Gera. Sie lief regelmäßig mit anderen VertreterInnen der Neuen Stärke auf den sogenannten „Spaziergängen“ in Gera mit.

Sabrina Töpfer
Sabrina Töpfer

Florian Rassbach ein Nazi aus Erfurt. Er gehört zum Nachwuchs der Neue Stärke Partei und trat bereits als Redner auf Kundgebungen der Partei in Weimar auf. Zur Kundgebung der Neuen Stärke am 01.05.2021 in Erfurt koordinierte er Anreisende. Rassbach war am versuchten Angriff auf das AJZ in Erfurt in der Nacht zum 03.10.2021 beteiligt. Seit Neuestem beteiligt er sich an Kundegebungen der Neuen Stärke in Gera und an den sogenannten „Spaziergängen“ am Montag.

Florian Rassbach
Florian Rassbach

 

Die Interpretation, dass die Proteste gegen Auflagen zur Eindämmung der Coronapandemie von extremen Rechten unterwandert sei oder dass die Bereitschaft zur Gewalt quasi von außen kommt, ist nicht richtig. Nazis, RassistInnen, Verschwörungsgläubige und AntisemitInnen sind, wie viele umfangreiche Artikel und Recherchen gezeigt haben, von Beginn an Teil dieser „Spaziergänge“ auch in Gera.

Geraer Nazis übernehmen Organisierungs- und Koordinierungsaufgaben. Bestes Beispiel hierfür ist Christian Klar: In Telegramchats kündigt er Feuerwerke und andere Überraschungen an – die vielen illegalen Feuerwerke standen oft als Signal für den Start der „Spaziergänge“. Er behauptete außerdem in Telegramgruppen, sich mit Polizist*innen abzusprechen.

Bei drohenden Auseinandersetzungen wird oft nach den „starken Männern“ gerufen; Konfrontationen mit Polizist*innen werden von einschlägig bekannten Nazis aktiv gesucht. In der (vermeintlichen) Anonymität von Telegram wird insbesondere von Rechten massiv zu Straftaten aufgerufen oder Andersdenkende, Vertreter*innen von staatlichen Institutionen und gewählte Mandatsträger*innen bedroht. Wie das Beispiel Gera zuletzt zeigte, können diese Bedrohungen dann auch in der Anonymität einer größeren Masse ganz real umgesetzt werden:
So zog die als spontan inszenierte Demonstration am 18.01.2022 an der Wohnung des Geraer Oberbürgermeisters vorbei und erzeugte mit Taschenlampen, mit denen die Fenster abgeleuchtet wurden, und unter lautem Gebrüll eine Drohkulisse. Ein weiteres Beispiel aus Gera: Am 14.02.2022 wurden Menschen, die sich zuvor am solidarischen Gegenprotest beteiligt hatten, bis zum Büro der Linken verfolgt. Hier wurde dann mit „Volksveräter“-Rufen und starkem Trommeln an die Scheiben des Büros, den ins innere des Gebäudes Geflüchteten gedroht.

Gewalt gegen Andersdenkende, gegen Vertreter*innen von staatlichen Institutionen oder von Medien wurde immer wieder von Nazis propagiert und letzendlich praktiziert. Wenn „normale Bürger*innen” nun gemeinsam mit diesen auf „spontan“ inszenierten Demonstrationen laufen, wird das gewaltvolle Auftreten der Nazis letztendlich durch die Masse legitimiert. Dass Elemente der menschenverachtenden Ideologie dieser Nazis von Teilen der Bürger*innen übernommen werden, liegt nahe; eine Distanzierung davon findet nicht mehr statt. Sattdessen scheint die bereits seit längerem zu beobachtende verbale Radikalisierung immer mehr in offene Gewalt umzuschlagen.

Die „Bürgerlichkeit“ scheint verroht und der rebellisch-autoritäre Typus kommt vor allem in Ostdeutschland immer mehr zum Vorschein. In den neuen Bundesländern hat extreme rechte Gewalt seit den 90iger Jahren eine lange traurige Tradition: Zur Bürgerlichkeit im Osten gehört der Nazi aus den 90igern mittlerweile fest dazu. Hier wird sich eben nicht distanziert, man kennt sich und teilt auch noch die Erfahrung, wie einst ein verhasstes System durch Protest auf der Straße zusammenbrach.

Eine Pauschalisierung aller Menschen, die bei den sogenannten „Spaziergängen“ mitliefen, als Nazis liegt fern. Wer allerdings Seite an Seite mit Nazis läuft, wer sich nicht von verbaler Radikalisierung und handfesten Angriffen auf Andersdenkende distanziert, macht sich ganz einfach mitschuldig, wenn Nazis ihre menschenverachtende Ideologie mit Gewalt in die Tat umsetzen.

 

Abstandslos durch die Nacht: Pandemieleugner*innen und Neonazis in Ostthüringen

“Spaziergang” in Greiz am 11.12.2021: Bürger*innen und die Neonazi-Partei Neue Stärke
„Spaziergang“ in Greiz am 11.12.2021: Bürger*innen und die Neonazi-Partei Neue Stärke [Bild: Screenshot youtube]

In Mitteldeutschland gehen aktuell flächendeckend Leugner*innen der Corona-Pandemie gemeinsam mit Neonazis auf die Straße. Ihr Protest soll sich nach eigener Aussage gegen die neuerlichen Maßnahmen zum Schutz vor der Ausbreitung des Corona-Virus und gegen die aufkommenden Debatten zur Einführung einer Impfpflicht richten. Doch viele Teilnehmende treten für eine anti-soziale, unsolidarische, wissenschaftsablehnende Gesellschaft ein, vielfach getragen durch den Glauben an im Kern antisemitische Verschwörungsmythen. In Thüringen fanden zuletzt bis zu 25 solcher Aufmärsche gleichzeitig statt. Die Teilnehmendenzahlen reichten dabei von wenigen Dutzend bis zu mehreren Tausend. So marschierten am 04.12.2021 ca. 1500 Menschen durch Greiz und geschätzte 3500 Personen am 03.01.2022 durch Gera. Allerorts gehören organisierte Neonazis zu den Teilnehmer*innen der Proteste, mancherorts gehen auch die Organisation und mediale Begleitung auf Nazistrukturen zurück. Markantestes Beispiel ist ein weiteres Mal Gera, wo ReichsbürgerInnen und Neonazis seit Mitte 2020 Proteste organisieren, denen sich hunderte Menschen anschließen. Bei der jüngsten Aktion des rechten Unternehmers Peter Schmidt verschenkte am 09.12.2021 in Gera ein als Weihnachtsmann verkleideter Neonazi-Aktivist Geschenke an Kinder, während ein verurteilter Shoa-Leugner christlich-fundamentalistische Kalender an Kinder und Nürnberger Kodizes an Erwachsene verteilte, um die Corona-Impfungen mit den NS-Menschenversuchen an KZ-Häftlingen zu vergleichen. Die Presse titelte dazu „Unternehmer überraschen Kinder“. Polizei und Verfassungsschutz verorteten, wie immer fehlinformiert, die Ostthüringer Mobilisierung bei den Freien Sachsen. Antifaschistische Recherche hat schon seit Beginn der Pandemie auf die Ostthüringer Nazistrukturen und ProtagonistInnen hingewiesen (Artikel zu Überschneidungen mit Thügida , Frank Haußner und der AfD, den Patrioten Ostthüringen, der Geraer AfD und den Nazistrukturen der „Miteinanderstadt Gera“), denen sich aktuell erneut hunderte rechte Bürger*innen anschließen. Mit dem folgenden Überblick soll ein weiteres Mal aufgezeigt werden, dass die Proteste keineswegs spontan oder bunt gemischt sind – sie werden überwiegend von organisierten Nazis geplant oder stellen eine Zusammenarbeit aus rechtsoffenen Bürgerlichen und Neonazis dar, die sich in ihrer antisemitischen Verklärung der Corona-Pandemie einig sind.

Jena

An den ersten Protesten gegen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz kamen in Jena Mitte 2020 verschiedene politische Spektren auf dem Holzmarkt zusammen: Eltern mit Kindern der Waldkindergärten oder der Waldorfschule, rechte Verschwörungsgläubige wie Winfried Merkel in Shirts mit „9/11 Inside Job“ oder Marcel Waschek von der neofaschistischen Identitären Bewegung. Die damals noch von „Widerstand 2020“ auch in Jena propagierte Vorstellung einer Meinungsdiktatur bildete das einende Band dieser Spektren. Bald gehörten auch der Neonazi-Hooligan Tilo Webersinke oder der Normannia-Burschenschafter und antisemitische Hetzer Wilhelm Tell (ehemals Die Republikaner) zu den regelmäßigen TeilnehmerInnen. Tell verbreitete Lügenmärchen, dass der antisemitische Attentäter von Halle ein von Behörden gesteuerter Migrant gewesen wäre und nennt Youtube bevorzugt „Judtube“. Webersinke schwadronierte jüngst via Telegram, dass man sich im „Krieg“ befände und er deshalb immer ein Messer bei sich trüge. Mit diesen Neonazis machen sich die Pandemieleugner*innen aus dem eher bürgerlichen Spektrum seither gemein. Auch an den antisemitischen „Ungeimpft“-Davidsternen störten sich die Jenaer Aktivist*innen bisher nicht. Sie stellen auch den bis heute harten Kern der „Freiheitsboten Jena“ mit ihrem Aktionsrepertoire der regelmäßigen Spaziergänge, Gesangsaktionen oder Tänze dar. Die „Freiheitsboten“ sind eine bundesweit agierendes Netzwerk von Pandemieleugner*innen, deren unzählige Lokalgruppen sich ursprünglich zur Verteilung von Flyern mit Desinformation gegründet hatten. Seitdem tauschen sie sich in Facebook- und Telegramgruppen aus und verabreden sich zu Aktionen. Dazu gehören neben der Musikerin Corinna Gehre auch Ivonne Nöhren von „Bürger für Thüringen“. Nöhren war es, die mit der zunächst erfolgreichen Klage gegen die Maskenpflicht für ihr Kind einem Weimarer Familienrichter eine Hausdurchsuchung einbrachte. Nöhrens Klage war inklusive Erfolgsversprechen vorab mit dem Richter über interne Kanäle von Pandemieleugner*innen abgesprochen worden. Der Schulterschluss zwischen Personen wie Nöhren und Gehre mit Antisemiten wie Tell und rechten Schlägern wie Webersinke wird hartnäckig mit ihrem Gerede von „Liebe und Toleranz“ und Weihnachtsliedersingen verschleiert. Mit Jens Thino Friedrich gehört ein weiterer gut vernetzter Rechter zu den Jenaer Organisator*innen der Proteste, der auch dem Reichsbürgerspektrum zugeordnet werden kann. Friedrich schreibt u.a. für das neofaschistische Compact-Magazin und gibt im Selbstverlag rechte Pamphlete heraus. Seit November 2021 kommen zu den wöchentlichen Aktionen auch die Höcke-Vertraute Wiebke Muhsal (AfD) oder der Neofaschist Lars Seyfarth, der zu den früheren politischen Weggefährten des NSU-Helfers Ralf Wohlleben zählt. Seyfarth, der 2016 aus dem Kreis Heilbronn zurück nach Jena zog, suchte zum Jahreswechsel 2011/2012 nach der Verhaftung des NSU-Helfers Kontakt zu dessen Frau, um Unterstützung anzubieten.

Ivonne Nöhren (rot) und Wilhelm Tell (grüne Mütze) bei “Bürger für Thüringen” in Erfurt am 03.11.2020.
Ivonne Nöhren (rot) und Wilhelm Tell (grüne Mütze) bei „Bürger für Thüringen“ in Erfurt am 03.11.2020 [Foto: OTZ]

Kahla

In der Kleinstadt Kahla blieb es im Verlauf der Pandemie zunächst erstaunlich lange ruhig. Wie schon an anderer Stelle resümiert, ist die dortige rechte Szene durch Wegzüge von Führungskadern in einer gewissen Lethargie versunken. Die Kahlaer Aktivisten der neofaschistischen Gruppe Aufbruch & Erneuerung um Ralph Oertel beteiligten sich zwar mit Einzelpersonen an den Protesten von Pandemieleugner*innen in Leipzig oder Weimar, vermeiden es bislang aber, in Kahla offen aufzutreten. Am 03.12.2021 kam es dann zum ersten größeren Protest auf dem Kahlaer Markt, bei dem sich ca. hundert Personen rund um den Weihnachtsbaum versammelten. Aufbruch & Erneuerung verteilten nach Eigenangaben hundert Flyer. Kurz darauf rief die militante Neonazi-Aktivistin Franzy Schulz zu einer Wiederholung am 10.12. auf. Die maßgebliche Mobilisierung lief, wie schon zu früheren Anlässen, über die über 2000 Mitglieder große Facebook-Gruppe „Kahla – eine Stadt, eine Liebe“, zu deren Administrator*innen mit Evelyn Kruppe eine langjährige Rechte und gute Freundin von Schulz zählt. Als am 10.12. der Kahlaer Markt durch eine antifaschistische Kundgebung besetzt war, versammelten sich die Pandemieleugner*innen und Nazis vor der Kirche. Die Polizei stellte hier von 84 Personen Identitäten fest. Unter den Teilnehmer*innen waren neben einem Anhänger der Neonazi-Kleinstpartei Neue Stärke auch Evelyn Kruppe und der Jenaer Neonazi Lars Seyfarth. Seyfarth ist seit Wochen bei allen Aktionen der Pandemieleugner*innen in Jena dabei. Er war während seiner Zeit im württembergischen Enz-Kreis bei Die Rechte aktiv und zählt in Jena zum engen Umfeld der Burschenschaft Normannia. Mit Normannia-Mitgliedern führte Seyfarth 2016 Aktionen im Namen der Jenaer Ortsgruppe der Identitären Bewegung durch. Am 17.12. endete ein erneuter Protestspaziergang in Kahla im Polizeikessel. Hier war mit Marcel Waschek ein weiterer ehemaliger Aktivist der Identitären dabei, der inzwischen zu Aufbruch & Erneuerung gezählt werden kann.

Evelyn Kruppe (m. Becher) und Lars Seyfarth (m. Brille) im Polizei-Kessel in Kahla am 10.12.2021
Evelyn Kruppe (mit Becher) und Lars Seyfarth (mit Brille) im Polizei-Kessel in Kahla am 10.12.2021 [Foto: MDR]

Eisenberg

Schon zu Jahresbeginn formierte sich in Eisenberg ein neues Netzwerk von Pandemieleugner*innen unter dem Titel „Schweigemarsch Eisenberg“. Unter Führung von Heiko Donath, der bis dato noch nicht als politischer Aktivist in Erscheinung getreten war, wurde erstmals am 20.02.2021 demonstriert. Auf dem OTZ-Foto dazu war ein früherer Mitorganisator der neonazistischen Thügida-Aufmärsche mit Protestschild zu sehen. An der Kundgebung beteiligten sich auch der Eisenberger Bürgermeister Michael Kieslich und Thüringer CDU-Fraktionsvorsitzende Mario Voigt. Voigt meinte, man müsse „im Gespräch bleiben“. Vier Wochen später läuteten Voigts Gesprächspartner*innen dann zusammen mit Hermsdorfer und Stadtrodaer Pandemieleugner*innen die antisemitische „Aktion Kinderschuhe“ ein. Vor öffentlichen Verwaltungen wurden zahlreiche Kinderschuhe abgestellt, um vorgeblich für Kinderrechte zu protestieren. Die Shoa-relativierende Absicht der Aktion wurde danach von Vertreter*innen der jüdischen Gemeinde kritisiert, die daran erinnerten, dass diese Symbolik Teil der Gedenkkultur an jüdische Kinder ist, die in ehemaligen KZs ermordert wurden. Im Juni verkleideten sich Donath und KameradInnen dann für eine Kundgebung in schwarzen Kutten und posierten mit verschwörungsmythischen Schildern: „Zu lange sind wir den falschen Propheten gefolgt“. Am 25.11. stand Donath mit dem Antisemiten und Reichsbürger Frank Haußner vor einer Menge aus Neonazis, Hooligans, AfD-Abgeordneten und Shoa-LeugnerInnen in Gera, um die Menge zum Aufmarsch durch die Innenstadt aufzurufen.

Heiko Donath (Mitte) mit einem verschwörungsmythischen Schauspiel des “Schweigemarsch Eisenberg” am 19.06.2021
Heiko Donath (Mitte) mit einem verschwörungsmythischen Schauspiel des „Schweigemarsch Eisenberg” am 19.06.2021 [Bild: Screenshot youtube]

Hermsdorf

Die Hermsdorfer Fotografin und Grafikdesignerin Annett Bräutigam schloss sich schon im März 2021 der antisemitischen „Aktion Kinderschuhe“ an. Im Herbst initiierte sie dann zusammen mit dem Eisenberger Heiko Donath „Ich mach da nicht mit!“. Gemeinsam organisierten die beiden in den vergangenen Monaten regelmäßige Montagsdemonstrationen in Hermsdorf, bei denen gegen die Pandemieschutzbestimmungen gewettert wird. Annett Bräutigam verkauft inzwischen auch Westen mit dem Schriftzug der Initiative. Am 15.11. gesellten sich zu den Organisator*innen des Protestes auch Frank Haußner aus Zeulenroda und Christian Klar aus Gera. Beide können zu den Patrioten Ostthüringen gezählt werden. Christian Klar ist schon seit über zwanzig Jahren Teil der Neonaziszene, damals noch im Umfeld von Blood & Honour Gera. Er war seit 2016 bei Thügida, dem III. Weg oder Solidaritätsaufmärschen für die Shoa-Leugnerin Ursula Haverbeck dabei und hat sich seit Mai 2020 stark in den Protesten gegen Corona-Schutzmaßnahmen engagiert. Zu den Hermsdorfer Mitorganisator*innen zählt auch Max Thomas, Torwart des SV Hermsdorf. Thomas nahm mit seinem Zwillingsbruder Paul am 1. Mai 2021 an der Kundgebung der Neonazi-Partei Neue Stärke in Erfurt teil. Am 20.11.2021 war Max Thomas auch bei der Kundgebung von Die Basis in Jena.

Christian Klar und Frank Haußner (oben 1. u. 2.v.l.) bei “Ich mach da nicht mit!” in Hermsdorf am 15.11.2021
Christian Klar und Frank Haußner (oben 1. u. 2.v.l.) bei „Ich mach da nicht mit!” in Hermsdorf am 15.11.2021 [Bild: Screenshot youtube]

Stadtroda

Die Jenaer Aktionen werden schon seit vergangenem Jahr stark von Personen aus Stadtroda mitgetragen. Dazu gehört Saskia Graupe von der Pandemieleugner*innen-Partei Die Basis. Die Shoa-relativierende „Aktion Kinderschuhe“ wurde in Stadtroda von Grit Bruna-Schweitzer im Namen der „Freiheitsboten Holzland“ organisiert. Die „Freiheitsboten“ sind eine bundesweite Vernetzung von Pandemieleugner*innen, deren unzählige Lokalgruppen sich ursprünglich zur Verteilung von Flyern mit Desinformation gegründet hatten. Seitdem tauschen sie sich in Facebook- und Telegramgruppen aus und verabreden sich zu Aktionen. Mit Thomas Spreitzer aus Stadtroda wurde ein früherer Besucher des inzwischen abgerissenen Jenaer Wohnprojektes Am Inselplatz, der zeitweise zumindest als bauchlinks beschrieben werden konnte, zu einem der aktivsten Hetzer der Jenaer Pandemieleugner*innen. Spreitzer, Mitglied bei Die Basis, verbreitet auf dem Youtube-Kanal „Liebe & Wahrheit – Blumen der Freiheit“ Handyvideos, die Teilnehmer*innen der verschiedenen Aufmärsche aufnehmen. Darunter war auch die Rede von Frank Haußner in Weimar am 22.02.2021, in der er in seiner bekannten antisemitischen Manier gegen einen „aufgezwungenen Schuldkult wegen zwölf Jahren Geschichte“ hetzte, und von einem Volk schwadronierte, das „sich von dunklen Gestalten (…) mit Lügen in Todesangst versetzen“ und von „unproduktiven Parasiten“ ausbeuten ließe. Thomas Spreitzer verbreitete schon im Frühjahr 2020 im Netz Shoa-relativierende Bilder des Eingangs von Auschwitz mit „Impfen macht frei“ und kommentierte dazu: „Auschwitz gehörte der PHARMA! (…)“. Diese postete er auch in der von ihm administrierten Facebook-Gruppe „Freidenken in Jena…“, wo es keinerlei Widerspruch gab. In derselben öffentlichen Gruppe veröffentlichte er auch ungeschwärzte Screenshots von Chats linker Querdenken-Kritiker*innen, die er aus größeren Jenaer Chatgruppen kopierte.

Von bauchlinks nach ganz rechts: Thomas Spreitzer aus Stadtroda mit antisemitischen Facebook-Posts
Von bauchlinks nach ganz rechts: Thomas Spreitzer aus Stadtroda mit antisemitischen Facebook-Posts [Bild: Facebook]

Rudolstadt

Auf dem Marktplatz kamen am 26.11.2021 hunderte Menschen zusammen, viele davon mit Kerzen. Nachdem Familien mit Kindern ihre Teelichter rund um den Marktbrunnen aufgestellt hatten, marschierte geschlossen eine Gruppe jüngerer Neonazis, darunter Anhänger der Neue Stärke Erfurt mit Fackeln auf den Markt und nahm Aufstellung rund um den Marktbrunnen. In der Menge der Pandemieleugner*innen standen u.a. der Thügida-Mitgründer Ralf Gabel aus Kamsdorf und der frühere NPD-Politiker Matthias Brandt, Onkel des früheren Schwarzaer Neonazi-Kaders und NSU-Helfers Tino Brandt. Als die Polizei einen Teilnehmer zur Personalienfestellung abführte, bildete sich ein pöbelnder Mob, zu dem auch der Rudolstädter Neonazi Sebastian Hoffmann gehörte. Hoffmann ist Teil der militanten Naziszene und gehört zum engen Umfeld der Neonazi-Mafia Turonen – Garde 20. Wohlgemerkt ist es Rudolstadt gewesen, von wo aus der katastrophale Tod von bislang 28 Bewohner*innen infolge eines Corona-Ausbruchs in einer Pflegeeinrichtung bundesweite Aufmerksamkeit erreichte. Die Mehrheit der Verstorbenen war ungeimpft und darin auch massiv von ihren Angehörigen bestärkt worden. Hoffmann und Brandt gehörten auch im Neujahr zu den Teilnehmer*innen eines neuerlichen Aufmarsches am 03.01.2022. Bei allen Rudolstädter Aufmärschen seit Dezember 2021 liefen vermummte Anhänger der Neuen Stärke Partei mit Fackeln an der Spitze der Aufmärsche. Am 07.01.2022 wurden die lokalen Parteianhänger um Falk Seidl von den Erfurter Anführern der Kleinstpartei um Michel Fischer begleitet.

Ralf Gabel (1.v.l.) und Matthias Brandt (1.v.r., m. Schiebermütze) in Rudolstadt am 26.11.2021
Ralf Gabel (1.v.l.) und Matthias Brandt (1.v.r., mit Schiebermütze) in Rudolstadt am 26.11.2021 [Bild: Screenshot youtube]

Saalfeld

In der Saalfelder Fußgänger*innenzone versammeln sich seit Wochen regelmäßig hunderte Menschen, um bei Kerzenlicht im Gedränge Glühwein zu trinken und damit ihren Protest gegen Gesundheitsschutzmaßnahmen zum Ausdruck zu bringen. Hier standen sie am 01.12.2021 Seite an Seite mit Neonazi-Kadern wie Oliver Eismann aus Krölpa oder dem Neonazi-Hooligan Felix Reck, der für eine Reihe teils lebensgefährlicher Angriffe auf Antifaschist*innen und Fans des Carl-Zeiss-Jena verurteilt wurde. Auch Matthias Brandt und Ralf Gabel waren wieder bei den Saalfelder Versammlungen dabei. Zum 08.12. meldete dann der Landesvorsitzende von „Bürger für Thüringen“, Steffen Teichmann, eine Versammlung in Saalfeld an. Trotz seiner Beteuerungen, alle Auflagen respektieren zu wollen, kamen zu seiner Freude über 300 Menschen, die ohne Masken und Abstände die Fußgängerzone füllten.

Oliver Eismann (1.v.l.) und Kameraden in Saalfeld am 01.12.2021
Oliver Eismann (1.v.l.) und Kameraden in Saalfeld am 01.12.2021 [Bild: Screenshot youtube]

Zeulenroda

In Zeulenroda wurden schon im vergangenen Jahr ausdauernde Proteste vom dort ansässigen Reichsbürger Frank Haußner organisiert. Hier hielten im Dezember 2020 u.a. der AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Lauerwald aus Gera und der Shoa-Leugner und Neonazi Christian Bärthel Redebeiträge am selben Pult. In Triptis, Neustadt/Orla und Zeulenroda geht die neuerliche Mobilisierung zu Aktionen gegen die Maßnahmen zum Gesundheitsschutz erneut auch stark von der AfD Saale-Orla-Kreis Hartmut Lucas, Anja Bergneraus, deren Funktionäre Hartmut Lucas, Anja Bergner und Heiko Bergner de facto Teil der neonazistischen Netzwerke der Patrioten Ostthüringen sind. Auch Stadtrat Andreas Staps von Pro Zeulenroda läuft regelmäßig mit Trommeln an der Spitze der Aufmärsche. Staps verbreitet nicht nur jegliche rechte Verschwörungserzählung in Messenger-Diensten, sondern hat sich auch eine Reichsflagge und die Fahne der Patrioten Ostthüringen seines Zeulenrodaers Kameraden Frank Haußner in den Vorgarten gehängt. Weiterhin ist in diesem Kreis die 2021 entstandene neonazistische Kleingruppe Freie Jugend aktiv. Deren Protagonist Luca Strobel aus Wünschendorf/Elster verbreitete vom unangemeldeten Aufmarsch in Zeulenroda am 07.12.2021 Videos einer Pyrotechnik-Aktion. Strobel wuchs im Verlauf des Jahres 2021 vom Schüler-Aktivisten fest in die Netzwerke der AfD, Patrioten Ostthüringen und Neue Stärke Partei hinein. Am 11.12. beteiligte er sich dann neben der Neonazi-Aktivistin Beatrice Fischer an der Kundgebung der Neonazi-Kleinstpartei Neue Stärke in Gera. Die Freie Jugend vertreibt inzwischen auch eigene Kleidung über den Onlineshop des Hallenser Neonazis Sven Liebich. Am 15.1.2022 lief die Freie Jugend neben vermummten Anhängern von Neue Stärke an der Spitze des Aufmarschs durch Zeulenroda.

Die “Freie Jugend” (Luca Strobel links am Transparent) in Zeulenroda am 07.12.2021 und rechts Luca Strobel (blaue Jacke) bei der “Neuen Stärke Partei” in Gera am 11.12.2021; außerdem rechts (mit Brille): Olaf Wilke aus Gera
Die Freie Jugend (Luca Strobel links am Transparent) in Zeulenroda am 07.12.2021 und rechts Luca Strobel (blaue Jacke) bei der Neuen Stärke Partei in Gera am 11.12.2021; außerdem rechts (mit Brille): Olaf Wilke aus Gera [Bild: Screenshot Telegram; Foto: Micha Weiland]

Greiz

Schon der Aufmarsch von Pandemieleugner*innen und Neonazis am 04.12.2021 in Greiz machte Schlagzeilen, weil er von den dutzenden Aktionen in Thüringen mit geschätzten 1500 Teilnehmer*innen zu diesem Zeitpunkt der größte Aufmarsch war. Hier liefen bereits zahlreiche Neonazis mit, wie an Jacken von Thor Steinar, Mützen in den Farben des deutschen Reichs oder Jacken der rechtsterroristischen Rockergruppe Brigade 8 zu erkennen war. Von der rechten Kleingruppe Freie Jugend, die sich aus den Ostthüringer Protesten gegen die Gesundheitsschutzmaßnahmen heraus gründete, wurde Pyrotechnik gezündet. Aus Westsachsen waren Aktivisten der militanten Kaderpartei Der III. Weg dabei. Reichsbürger Frank Haußner feierte die Protestierenden dafür, dass sie „… den BRD-Bütteln die Stirn bieten“.
Als sich am 11.12.2021 ein ähnlicher Aufmarsch in Bewegung setzte, blockierte die Polizei teilweise Straßen und wurde dafür von den Teilnehmer*innen mit Fäusten und Flaschen angegriffen. Vorneweg marschierte der Saalfelder Neonazi Ralf Gabel in einem Pulk von vermummten Anhängern der Neue Stärke Partei um Bryan Kahnes, die am Mittag noch in Gera eine kleine Kundgebung abgehalten hatten. Aus der Gruppe heraus wurde vielfach Pyrotechnik gezündet.

“Neue Stärke” mit Maurice Mischek (2.v.l.), Bryan Kahnes (Mitte 2. Reihe) und dem Thügida-Mitgründer Ralf Gabel (braune Jacke) in Greiz am 11.12.2021
Neue Stärke mit Maurice Mischek (2. v.l.), Bryan Kahnes (Mitte 2. Reihe) und dem Thügida-Mitgründer Ralf Gabel (braune Jacke) in Greiz am 11.12.2021 [Bild: Screenshot youtube]

Gera

In Gera hatten bereits ab Mai 2020 die ersten größeren Aufmärsche von Bürgerlichen, Esoteriker*innen und Neonazis gegen die Corona-Schutzmaßnahmen stattgefunden. In unterschiedlicher Intensität und Zusammenstellung setzte sich dieses Geschehen über den Sommer und Winter 2020 fort. Ab Frühjahr 2021 etablierten sich dann die ReichsbürgerInnen und Neonazis aus den Kreisen der Patrioten Ostthüringen als HauptorganisatorInnen. An den insgesamt vier Autokorsos im April/Mai 2021 nahmen bis zu 150 Autos teil, teilweise mit schwarz-weiß-roten Fahnen verunziert. Als Hauptorganisator und Redner trat hier der verschwörungsideologische Antisemit Frank Haußner aus Zeulenroda auf, der kaum verschleiert zum Umsturz der staatlichen Verwaltung aufrief. Unter den Teilnehmer*innen waren Michael Hesse, der früher zur Kameradschaft Gera und damit dem Thüringer Heimatschutz gehörte, die III.Weg-Anhängerin Beatrice Fischer, aber auch AfD-Kommunalpolitiker wie Hartmut Lucas aus Burgk (Saale-Orla-Kreis). Nachdem im Sommer 2021 die Zahlen wieder auf nur 10-20 Teilnehmende sanken, bekamen die Geraer Aufmärsche ab November 2021 neuen Schwung. Unter dem Vorwand von vorweihnachtlichen „Lampionumzügen“ wurden in einer Kooperation des rechten Geraer Unternehmers Peter Schmidt, dessen neonazistischem Freund Christian Klar, Frank Haußner und dem Reichsbürger Marek Hallop mehrere Fackelmärsche abgehalten, an denen einige Hundert Menschen teilnahmen. Am 25.11. setzte diese Melange ihren Aufmarsch trotz eines landesweiten Demonstrationsverbots nach Verhandlungen mit der Polizei durch. Christian Klar lief als Weihnachtsmann verkleidet vorne weg, während ihm u.a. der bundesweit vernetzte Neonazi-Kampfsportler Martin Langner aus Schmölln, der verurteilte Shoa-Leugner Christian Bärthel aus Ronneburg, der Geraer Neonazi-Hooligan Felix Staps oder der AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Lauerwald folgten.

Shoa-Leugner Christian Bärthel (1.v.l.), Kameradschafter Fabian Matthes (2.v.l.), Neonazi-Kampfsportler Martin Langner (mittig halb verdeckt) und Protest-Koordinator Frank Haußner (1.v.r.) von den Patrioten Ostthüringen beim “Lampionumzug für Kinder” am 25.11.2021.
Shoa-Leugner Christian Bärthel (1. v.l.), Kameradschafter Fabian Matthes (2. v.l.), Neonazi-Kampfsportler Martin Langner (mittig halb verdeckt) und Protest-Koordinator Frank Haußner (1. v.r.) von den Patrioten Ostthüringen beim „Lampionumzug für Kinder” am 25.11.2021 [Bild: Screenshot youtube]

Am 09.12.2021 erreichte die Instrumentalisierung der Vorweihnachtszeit und von Kindern ihren vorläufigen Höhepunkt, als Peter Schmidt und seine inzwischen etablierte Neonazi-Struktur auf dem Hofwiesenparkplatz eine Weihnachtsmann-Geschenke-Aktion für Kinder organisierte. Christian Bärthel verteilte in Shoa-relativierender Absicht antisemitische Nürnberger Kodizes und die Neonazistin Beatrice Fischer schenkte Glühwein aus. Stargast war an diesem Abend der Chef der Thüringer AfD, Landolf Ladig alias Björn Höcke. Begleitet wurde Höcke von seinen zwei Mitarbeitern Martin Schieck und Robert Teske, die aus den Netzwerken der Identitären Bewegung kommen. Im Dezember entfaltete die Tätigkeit der Nazistruktur um die Patrioten Osthüringen ihre volle Wirkung, als am 21.12.2021 und 27.12.2021 jeweils 2000-4000 Menschen angeführt von regionalen Nazis und Rufen nach „Freiheit“ durch Gera zogen. Selbst aus Erfurt kam eine ganze Abordnung der Neonazi-Partei Neue Stärke nach Gera, denen die Erfurter Polizei Betretungsverbote für die Landeshauptstadt erteilt hatte. An vielen Orten in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen knüpften diese Proteste in revanchistischer Manier an Montagsproteste der DDR an. Staatliche Autoritäten bekamen die Veranstaltungen kaum unter Kontrolle und an vielen Orten in Thüringen konnten sich aggressive Neonazis und Bürgerliche ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei liefern. In Gera beschränkte sich die Polizei überwiegend auf das Regeln des Verkehrs um den Aufzug herum, statt gegen die massenhaften Verstöße gegen geltende Auflagen vorzugehen. Es bot sich ein düsteres Bild: Inmitten einer globalen Pandemie mit einem hochansteckenden Virus versammelten sich viele Personen überwiegend ohne Schutzmaßnahmen und trugen ihren Hass, gespeist aus antisemitischen Verschwörungsmythen, extrem rechten und anti-modernen Weltbildern und Ablehnung solidarischer Rücksichtnahme auf ihre Mitmenschen auf die Straße.
Die dadurch erfahrene Ermächtigung nutzten die Organisator*innen um den Neonazi Christian Klar, um am 18.1.2022 Hunderte von Pandemieleugner*innen zum Wohnhaus des Geraer Bürgermeisters zu mobilisieren, wo sie in der Dunkelheit Parolen skandierten und das Haus mit Taschenlampen beleuchteten. Klar steht symbolisch für die Verhältnisse in Gera, wo das Umfeld des NSU weiterhin politisch aktiv ist und kaum Widerstand aus der Gesellschaft erfährt. Christian Klar gehörte selbst zur Jahrtausendwende zu den Weggefährten des V-Mannes „Hagel“ und Sektionsleiters von Blood & Honour Thüringen, Marcel Degner. Klar zählte zu Degners näherem Umfeld und stand entsprechend auch mit seiner damaligen Handynummer in Degners Telefonbuch. Marcel Degner ließ nach dem Untertauchen des NSU-Kerntrios 1998 Einnahmen aus Rechtsrockkonzerten über Jenaer Kontakte an das Trio weiterleiten.

Organisator Christian Klar (r.) beim Aufmarsch am 3.1.2022 in Gera
Organisator Christian Klar (r.) beim Aufmarsch am 3.1.2022 in Gera [Bild: Screenshot youtube]
Gewalt mit Ansage

Infolge der Angriffe auf Polizist*innen in Greiz am 11.12.2021 meldete sich sogar die frischgebackene Bundesinnenministerin Nancy Faeser zu Wort. Und auch in Thüringen zeigten sich Öffentlichkeit und Politik überrascht von der Gewalt. Dabei sind solche Angriffe erklärter Teil der Taktik vom Anführer der Ostthüringer Proteste und Netzwerke, Frank Haußner. Haußner hatte mit den Patrioten Ostthüringen bei den Massenprotesten in Leipzig am 07.11.2020 eine Speerspitze mit ihren „Schuldig“-Schildern gebildet, die mehrere Reihen Bereitschaftspolizei durchbrach und so den Aufmarsch auf dem abgeriegelten Stadtring ermöglichte. Dieser Durchbruch hatte speziell auf die ostdeutsche Szene der Pandemieleugner*innen eine ähnlich mobilisierende Wirkung wie es die Belagerung der Bundestagsstufen mit Reichskriegsflaggen im August 2020 auf die gesamte rechte Szene hatte. Denn der mit Gewalt durchgesetzte Marsch auf dem Stadtring konnte in den eigenen Propagandanetzwerken als Anknüpfung an die Leipziger Montagsdemos vor dem Mauerfall 1989 dargestellt und zum Sieg über den mit der DDR gleichgesetzten BRD-Staat verklärt werden. Frank Haußner selbst analysierte diesen strategischen Moment in einem auf Facebook verbreiteten Statement, in dem er auch klarmachte, dass ihm die Querdenken-Organisator*innen zu friedlich sind, da sie bislang nicht zum völkischen Aufstand aufrufen:

Frank Haußner analysiert die Strategie der Patrioten Ostthüringen, am 07.11.2020 als Speerspitze Polizeiketten in Leipzig durchbrochen zu haben
Frank Haußner analysiert die Strategie der Patrioten Ostthüringen, am 07.11.2020 als Speerspitze Polizeiketten in Leipzig durchbrochen zu haben [Bild: Screenshot Facebook]

Die Proteste der Pandemieleugner*innen sind mitnichten erst unter den Vorzeichen der seit dem 25.11.2021 eingeschränkten Versammlungsfreiheit in Gewalt umgeschlagen. Vielmehr ist diese Gewalt ein zentrales Ziel der Ostthüringer Netzwerke um Haußner, den Patrioten Ostthüringen und Teilen der AfD in Gera und dem Saale-Orla-Kreis, die seit Langem völlig offen den Umsturz propagieren. Antifaschistische Recherchen oder die zahlreichen Berichte der von Gewalt betroffenen Journalist*innen oder Gegendemonstrierenden am Rande von Aktionen der Pandemieleugner*innen haben dies von Beginn an bezeugt und analysiert.
Wie offen und kalkuliert die Gewalt der rechten Aufmärsche abläuft, verdeutlich ein Telegram-Post von Luca Strobel im Kanal der Freien Jugend: Ende 2021 verbreitete dieser ein Schaubild, das eine taktische Anleitung zum Durchbrechen von Polizeiketten darstellt. Betitelt als „gewaltfrei“ ruft Strobel dazu auf, mit Menschenmassen physischen Druck bis zum Durchbrechen von Polizeiketten auszuüben, während gleichzeitig links und rechts Teile der Masse ausscheren.

Anleitung zum Durchbruch von Polizeiketten von “Freie Jugend” auf Telegram am 29.12.2021
Anleitung zum Durchbruch von Polizeiketten von Freie Jugend auf Telegram am 29.12.2021 [Bild: Screenshot Telegram]
Autoritäre Freiheitskämpfer*innen

„Keine Diktatur!“ rufen die Gegner*innen von Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 allerorts. Sie berufen sich dabei wahlweise auf die Proteste vor dem Mauerfall 1989 oder auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Für die Gegenerzählung von individueller Freiheit werden sich zudem Slogans aus der antirassistischen, anti-Apartheids- oder feministischen Bewegung angeeignet. Hier zeigt sich der zutiefst autoritäre Charakter der Querdenker*innen und Pandemieleugner*innen: Es geht ihnen vor allem darum, dass sie ohne jegliche Rücksicht entscheiden wollen, wie sie sich im Kontakt mit anderen Menschen verhalten. Sie wollen ohne staatliche Vorgaben oder gesellschaftliche Aushandlung entscheiden, welche anderen Menschen sie in welcher Form einem erhöhten Ansteckungsrisiko mit Covid-19 aussetzen. Das Hinwegsetzen über die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen und die Ablehnung von sozialen Aushandlungsprozessen über solche, für viele Menschen existentiellen, Fragen, stellt ihrer Ideologie nach den Kern bürgerlicher Grundfreiheiten dar. Nun basiert die bürgerliche Ideologie tatsächlich auf dem (sozial-)darwinistischen Recht der*des Stärkeren. Wie wenig das mit Freiheit zu tun hat, kommt deren Vertreter*innen jedoch seither nicht in den Sinn. Wer etwa aufgrund einer verminderten Lungenfunktion nicht riskieren will, von hustenden Maskenverweigerer*innen im Zugabteil oder Büro angesteckt zu werden, meidet seit nun bald zwei Jahren das öffentliche Leben. Die absolute Minderheit der selbsternannten „Freiheitskämpfer*innen“ entscheidet somit über die Ausgrenzung dieser Mehrheit aus dem öffentlichen Leben und verschleiert diese autoritäre Haltung mit Schlagwörtern von Individualismus, Liebe und Freiheit.

Verschwörungsglauben – Antisemitismus

Bei weitem sind dies jedoch nicht alles „klassische“ Nazis, welche sich bei den aktuellen Protesten gegen die Pandemiemaßnahmen versammeln. Die Demonstrationen vereinen Teilnehmende aus alternativen, ökologischen bis hin zu bürgerlich-konservativen, aber eben auch völkisch-nationalistischen Gesellschaftsspektren. Langjährig aktive Kader der extremen Rechten nutzen die Mobilisierungsfähigkeit dieses Potentials leidlich aus, in dem sie an vorhandene Einstellungsmuster dieser Bevölkerungsteile anschließen. Dazu haben sie hier natürlich auch ein an Größe nicht zu unterschätzendes Publikum für ihr antisemitisches, verschwörungsgläubiges und extrem rechtes Weltbild. Zu überlegen wäre, was dieses Publikum nun derart eint in dieser Zahl auf die Straße zu gehen und eben kein Problem mit diesen „klassischen“ Nazis zu haben. Zu nennen ist hier eine gewisse Wissenschaftsfeindlichkeit unter einer Art Reflex der Antimoderne. Am ehesten äußert sich das vielleicht in der Ablehnung von Impfungen. Bündnisse mit völkischen und reaktionären Weltbildern liegen da auch historisch nicht so fern. Es ist in aktuellen soziologischen Debatten unbestritten, dass in Zeiten von existenziellen Krisen antisemitische und verschwörungsideologische Erklärungsmuster erheblich an Aufwind erfahren. Verschwörungsgläubige können für so hochkomplexe Fragen einfache „Erklärungen“ finden und statt sich mit gesellschaftlichen Problemen ernsthaft auseinanderzusetzen, wird die Schuld einer kleinen Gruppe zugewiesen. Zudem eint es unglaublich, zu einem quasi auserwählten Kreis zu gehören der die „Wahrheit“ erkannt hat. Die Ursache dafür, dass sich zu solchen „Erklärungs“-mustern nun auch Antisemitismus einfindet, ist wohl in der Vergangenheit zu suchen. Seit Jahrhunderten wird Jüdinnen*Juden die Schuld an Krisen zugewiesen und gleichzeitig unterstellt, sie würden mit dunklen Mächten das Geschehen steuern. Diese „Theorien“ sind nachgewiesenermaßen hunderte von Jahren alt und wurden in der Vergangenheit oft auch konfessionell begründet. Beunruhigend sind auf deutschen Demos von Pandemieleugner*innen unter anderem die gelben Sterne mit der Aufschrift „ungeimpft“ oder „Impfgegner“. Das stellt eine Trivialisierung der Shoah dar. Träger*innen dieser Sterne setzen die deutsche Demokratie mit der Diktatur des Nationalsozialismus und sich mit den Opfern der Nazis gleich. Wäre diese Annahme, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie genauso schlimm wie der Nationalsozialismus sind, stimmig – dann hätte der nationalsozialistische Versuch der physischen Vernichtung der europäischen Juden keine Bedeutung mehr. Der Schluss zu Äußerungen von AfD Funktionären wie „Schuldkult“, „Erinnerungsdiktatur“, „Vogelschiss“ und Forderungen nach einer „geschichtspolitischen Wende“ liegt damit mehr als nahe. Man kann dies auch als Motive des Modernen Antisemitismus sehen. Dies alles lässt sich nun aktuell bei einer Vielzahl von Aktionen und Demonstrationen der Pandemieleugner*innen beobachten.


In Zusammenarbeit mit dem Rechercheportal Jena-SHK.